Sonja, die Rockerelfe


Auf einem Apfelbaum saß die Rockerelfe Sonja und schaukelte vergnügt auf einem Ast. Rote, reife Äpfel hingen vor ihrer Nase. Vor zwei Tagen rebellierte sie gegen das normale Elfenleben und nähte sich schwarze Lederklamotten.

Julia, ihre Freundin, schnitt Sonja die Haare kurz und färbte sie feuerrot.

Unter ihr raschelte es und ein Igel schnaufte vorbei. Sonja pflückte einen kleinen Apfel, zielte und warf ihn in seine Richtung. Sie rief, „He, du altes Stacheltier, hier hast du etwas für den Winter!" „Klatsch!", der Apfel traf den Igel empfindlich und blieb auf seinen Stacheln stecken. "Deine Frau hält dich bestimmt für eine große Schnecke!", lachte Sonja und rief ihm: „Schneckenigel, Schneckenigel!" hinterher, das sich der Igel  beeilte, um schnell von der Rockerelfe wegzukommen. 

Unter dem Apfelbaum kam Bewegung in das hohe Gras. Zwei Elfenrocker, Sven und Moritz, kamen auf ihren Holzlaufrädern gefahren, die wie kleine Motorräder aussahen. Sie lehnten ihre Laufräder gegen den Baum. „Rotschopf, komm herunter!", schrien sie, als sie Sonja zwischen den Blättern entdeckten.

Beleidigt kletterte Sonja herab und stand kurz darauf vor Sven und Moritz.

„Ihr seht auch nicht besser aus, mit eurer grasgrünen und himmelblauen Rockerfrisur!", begrüßte sie die beiden. „Ist das heute langweilig!", sagte Sven zu Sonja. "Wir könnten doch zusammen Unsinn anstellen!", überlegte Moritz.

„Und was schlagt ihr vor?“, fragte Sonja.  

Nicht weit von dem Apfelbaum, der auf einer großen Wiese stand,   duckten sich einige kleine Häuser an einen Felsen. Ein einzelnes Gehöft stand etwas abseits.

Moritz sagte zu den beiden: „Kommt, wir ärgern den Bauer Mucke! Wir scheuchen seine beiden Hunde in den Hühnerstall, werfen die Eier auf den Misthaufen und kippen seine Milchkannen um.“ „Oh ja!", jubelte Sonja und auch Sven war von der Idee begeistert.

Sonja holte ihr Laufrad aus dem Hagebuttenstrauch und schon fuhren die drei Freunde in Richtung des einzelnen Gehöftes.

In sicherer Entfernung versteckten sie ihre Laufräder und schlichen sich gegen den Wind zu dem Gehöft heran. Die Hunde durften sie nicht wittern. Moritz wusste, dass sich auf der Rückseite des Bauernhauses der Hühnerstall befand.

Er lockerte ein altes Brett an der Rückwand und schon war er im Hühnerstall verschwunden. Nach einer Weile war ein leises Quietschen zu hören, danach stand die Stalltür weit offen.

Die beiden Hunde des Bauern Mucke dösten in der Sonne, als sie ein leises Geräusch hörten. Sofort waren die beiden alarmiert und spitzten ihre Ohren. Da sahen sie, wie die Tür des Hühnerstalles weit aufschwang. Sofort stürzten die Hunde in den Stall hinein und ein fürchterliches Getöse begann. Es war ein lautes Gackern, Krähen und Bellen zu hören, das sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm steigerte. Auf einmal stoben die Hühner und der Hahn aus dem Stall, gefolgt von den Hunden, die ihnen geifernd und wie verrückt bellend hinterherrannten.

Nun kam für Sven und Sonja die Gelegenheit, ihren Streich auszuführen. Sonja kletterte als erste durch die Lücke in den Hühnerstall, gefolgt von Sven. Beide zogen ihre Jacken aus, verknoteten die Ärmel und legten vorsichtig die Eier in die Jacken.  

Inzwischen war Moritz wieder außerhalb des Gehöftes und nahm behutsam die Jacken mit den Eiern entgegen. Er schaffte sie zu dem nahen Misthaufen und versteckte sie. Noch einige Male lief er zwischen dem Stall und dem Misthaufen hin- und her bis alle Eier aus dem Stall verschwunden waren.

Vorsichtig kletterten Sven und Sonja aus dem Stall und liefen in Deckung bleibend zu dem Misthaufen. Dort wartete bereits Moritz.

„Na, das war doch richtig cool!", freute er sich. „Mensch, Alter“, sagte Sven zu ihm, „das haben wir sauber hingekriegt!"

„War das krass!", ließ sich Sonja vernehmen. 

„Los kommt!", meinte Moritz, „klatschen wir die Eier auf den Mist!"

Gesagt, getan. Abwechselnd warfen sie die Eier in hohem Bogen auf den Misthaufen und jedes Mal platschte es, wenn ein Ei kaputtging.

Die Eierschalen flogen nur so nach allen Seiten in dem Mist.

Träge lief das Eiweiß gefolgt von dem Eidotter in eine dunkelbraune Jauchepfütze, die dadurch von gelblichen Schlieren durchzogen wurde. Endlich war kein einziges Ei mehr da. Sie hatten es geschafft.

„So, und nun nichts wie weg, machen wir die Fliege!", meinte Moritz zu seinen beiden Freunden.   

Bauer Mucke wurde durch einen gewaltigen Spektakel geweckt.Er hatte sich ein wenig ausgeruht. Benommen stand er auf und ging nach draußen. Ihm bleib vor Staunen der Mund offen stehen. Was er da sah, verschlug ihm die Sprache. Die Tür zum Hühnerstall stand weit offen und die Hühner und der Hahn liefen aufgeregt gackernd und krähend über den Hof, gefolgt von den Hunden, die sich wie wild gebärdeten. Die Tiere veranstalteten einen Höllenlärm.

„Verflixt noch einmal, was ist denn da passiert!", brummte er ärgerlich und fing an, wieder Ordnung zu schaffen.  

Inzwischen hatten sich die drei Rockerfreunde in die Milchküche des Hofes hineingeschlichen.

Der Bauer Mucke war mit dem Einfangen seiner Hühnern und des Hahnes beschäftigt. Vorher hatte er seine beiden Hunde an die Leinen genommen und an der Hundehütte festgebunden.

Moritz sah zuerst die drei Milchkannen voller frischer Milch auf dem Küchentisch stehen. „Jetzt gilt es!", flüsterte er zu Sven und Sonja. Alle drei stemmten sich gegen die erste Milchkanne. Sie schwankte bedrohlich, blieb aber standhaft stehen. Sonja kam ein Gedanke.

„Wir brauchen einen kleinen Löffel!", sagte sie bestimmt. „Wozu brauchen wir einen Löffel?", fragte sie Moritz ärgerlich. „Na, wegen der Hebelwirkung!", antwortete Sonja stolz. Sven begriff sofort und schon kam er mit einem kleinen Löffel wieder.

Moritz schob den Löffelstiel unter den Kannenboden und „Platsch!" kippte die erste Milchkanne vom Tisch. Es folgte die zweite und kurz darauf die dritte Kanne. Die Milch floss wie ein Sturzbach auf den Fußboden, schwemmte die Stiefel des Bauern hinweg, überflutete den Katzennapf, umspülte einen großen Buttertopf und suchte sich durch die offene Tür den Weg ins Freie. 

„Moritz, wir haben es geschafft!", jubelten Sven und Sonja. „Wir haben den Bauer Mucke heute gründlich den Tag verdorben!", freuten sich alle drei.

Vorsichtig schlichen sie sich aus der Milchküche hinaus.

Die beiden Hunde witterten die Freunde, denn der Wind hatte sich gedreht. Sie bellten und zerrten an ihren Leinen, mussten aber hilflos zusehen, wie Moritz, Sven und Sonja verschwanden.

Bauer Mucke ging zurück zum Haus. Die gesamten Eier waren weg.

„Was ist denn nur los?", fragte er sich ratlos. Da bemerkte er, dass die Tür der Milchküche aufstand. Schon von weitem merkte er, dass da etwas nicht stimmte. Milch floss auf den Hof. „Oh, nein!", rief er verzweifelt, „nicht noch die Milch!"

Er rannte in die Küche und sah die Bescherung. Umgekippte Milchkannen, der Katzennapf schwamm friedlich auf einer Milchpfütze und seine Gummistiefel waren voller Milch.

Bauer Mucke ging wie betäubt hinaus auf seinen Hof. Wie nebenbei fiel sein Blick auf den Misthaufen - und da waren sie, die fehlenden  Eier. Die gesamten Eier waren kaputtgeschlagen und das Eigelb schwamm in der Jauche.  

Das war zufiel. Bauer Mucke bekam weiche Knie, setzte sich auf die Stufen vor seinem Haus, und fing an zu weinen. „Wer hat mir das angetan und warum?", schluchzte er. Die Tränen flossen ihm nur so über sein bärtiges Gesicht. 

Von weitem beobachteten die drei Freunde Bauer Mucke und freuten sich diebisch über dessen Unglück. „Dem haben wir es gezeigt!", freute sich Moritz. „Der hat für heute genug!", feixte Sven. Doch was war das? Sonja hatte plötzlich keine rechte Freude mehr an den  gelungenen, bösen Streichen. „Schaut doch mal!", rief sie.

Moritz und Sven sahen es jetzt auch. Bauer Mucke saß vor seinem Haus und weinte bitterlich. 

Moritz bekam auf einmal einen bitteren Geschmack in seinem Mund, Sven blickte verlegen zu Boden und Sonja weinte. „Oh, waren wir gemein und böse!", rief sie unter Tränen. „Das kann nicht sein, dass wir Menschen absichtlich Schaden zufügen und uns noch darüber freuen!", meinte Sven leise. Moritz hatte immer noch den bitteren Geschmack im Mund. „Das mache ich nie wieder und der heutige Tag war mir eine Lehre!", sagte er mehr zu sich, als zu den andern beiden.

„Wir werden Bauer Mucke helfen und alles wieder gut machen!", beschlossen sie gemeinsam. 

Beschämt fuhren sie auf ihren Laufrädern nach Hause.