Kurzgeschichten

 

Hier findet ihr eine Auswahl meiner schönsten Kurzgeschichten. Ganz am Anfang werde ich euch die Geschichte „Der Furz in der Flasche“ vorstellen.

Ich erzählte sie vor vielen Jahren eines Abends  meinen Enkel Johannes, und wir lachten dermaßen laut darüber, dass uns meine Frau zur Ruhe ermahnen musste! Am nächsten Tag schrieb ich die Geschichte auf, und hier ist sie.


Der Furz in der Flasche

Der alte, dunkle Eichenschrank stand dicht an der Kellerwand. Das kleine vergitterte Fenster ließ nur wenig Tageslicht herein. Dicker Staub lag überall, und selbst die Spinnen in ihren Spinnweben fristeten ein graues Dasein in den Ecken. Clara bewahrte ihre Konserven und alten Wein in dem Schrank auf, der mich jetzt magisch anzog. Seit dem Morgen hatte ich nichts mehr getrunken, und ich suchte krampfhaft nach einem guten Schluck, um meine erdrückenden Sorgen in den nächsten Stunden zu vergessen. Heute war mir alles egal, völlig egal!

Mein Vermieter hatte mir meine Wohnung wegen ausstehender Mietzahlung gekündigt. Vergangenen Mittwoch verließ mich meine Frau. Mein Chef gab mir vor zwei  Stunden den blauen Brief. Ich war fertig mit der Welt... 

Ganz langsam öffnete ich die Schranktür und ein lautes Knarren ließ mich innehalten. Alles blieb ruhig in dem Haus. Niemand hatte etwas gehört. Vorsichtig hielt ich die Luft an und öffnete die Tür ganz langsam weiter und weiter. Endlich sah ich im mittleren Schrankfach einige verstaubte Flaschen des alten Weines stehen, auf die ich es abgesehen hatte. Ganz hinten versteckte sich eine blaue, unscheinbare Flasche.

Es fällt bestimmt nicht auf, wenn sie weg ist, überlegte ich. Gesagt, getan. Hastig zog ich den Korken aus der Flasche. Ohne zu überlegen, trank ich gierig den ersten Schluck. Das dachte ich jedenfalls. Etwas Rauchiges, Kaltes glitt meine Kehle hinunter. Ich war entsetzt! Wein war es jedenfalls nicht. Ein Brechreiz erfasste mich. Nachdem sich meine Nerven und meinen Magen wieder beruhigt hatten, kam ich zu mir. Angewidert stellte ich die Flasche in den Schrank zurück. So musste der Tag ja enden. Auch das noch! Mir wurde schlecht und ich wollte nur noch raus aus dem muffigen Keller. Auf der Kellertreppe stolperte ich und fing mich mit beiden Händen ab. „Pass doch auf, du tust mir weh!“ Ich blieb stehen. Niemand war zu sehen. Erschrocken fragte ich: „Wer spricht da mit mir?“

„Ich!“

„Wer ist ich?“, fragte ich verwirrt. „Na, ich, der Furz aus der Flasche!“ Heiß überfiel mich die Angst. „Jetzt ist es soweit, ich habe Wahnvorstellungen!“, dachte ich.

Darüber hatte ich schon viele Geschichten gehört. Weiße Katzen mit violetten Augen, blaue Mäuse mit grünen Ohren und Flugenten mit Tigergebiss geisterten sofort durch meine überreizte Fantasie.

Es sind alles nur Hirngespinste beruhigte ich mich.

Endlich stand ich auf der Straße. Luft, ich holte tief Luft und versuchte, das Erlebte zu verdrängen. „Willst du mich nicht endlich herauslassen?“ Mich durchzuckte es von meinen Haarwurzeln bis zu meinem kleinen Zeh. Es war kein Mensch in der Nähe, der mit mir sprach. Ich selbst hatte den Mund zu und war es auch nicht.

Unsicher fragte ich: „Wen soll ich herauslassen?“

„Na, mich, den Furz aus der Flasche!“

„Brrr... Es gibt doch nur Flaschengeister, sagte ich unbestimmt!“ „Nein, ich bin ein eingesperrter Furz!“

„Wie das, fragte ich neugierig?“ 

Der Furz erzählte: 

„Claras Mann ärgerte sich ständig darüber, dass ihn zu jeder Gelegenheit und an jedem unpassenden Ort Furze wie ich einer bin quälen. Eines Tages trank er wie immer sein Glas Rotwein und ich plagte ihn ganz schrecklich. Franz war in Gesellschaft von Damen und musste wegen mir vor die Tür gehen.

Als ich aus ihm herausfuhr, verfluchte er mich und wollte, dass ich für immer in einer Weinflasche bleiben möge. Daraufhin fuhr ich in die nächstbeste leere Weinflasche. Just in diesem Moment stöpselte eine Dame der lustigen Gesellschaft die leere Weinflasche zu und sprach lachend zu den anderen:

„Die Flasche bewahren wir als Andenken an diesen Abend auf!“

So wurde ich in der Flasche gefangen und warte seitdem auf meine Befreiung von dem Fluch. Du könntest mich davon befreien.“ 

Oh Gott, dachte ich, ausgerechnet mir muss so ein Mist passieren. Mich stecken sie doch in die Klapse, wenn ich jemanden diese Geschichte erzähle. „Was mache ich nun?“, überlegte ich. Ich ging den Gehsteig entlang, blieb stehen, und fragte: „Bist Du noch da?“

„Bööps! Klar doch!“, kam sofort die Antwort.

„Wie kann ich mich von dir befreien?“, fragte ich verzweifelt! Ein Passant ging vorüber und schaute mich merkwürdig an. Er sprach mich an und fragte: „Geht es Ihnen nicht gut, mein Herr?“ Ich wurde rot im Gesicht und meine Wangen brannten wie Feuer. Den Kopf gesenkt murmelte ich: „Es ist nichts, gar nichts, es geht mir gut!“ Hm, das war gerade noch mal gutgegangen. Mein Bauch meldete sich. Ich hörte jetzt die Antwort auf meine Frage:

„Du musst mich am morgigen Tag in der Gegenwart von Frauen total verkneifen! Das ist die Bedingung!“

„Das ist doch leicht!“, sprach ich mehr zur mir selbst. „Stell dir das nicht so einfach vor!“, blubberte der Furz, beleidigt, dem es in meinem Bauch gut ging. „Gelingt es dir nicht, bleibe ich für immer bei dir!“ 

Mir wurde schlecht und ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. „Gut“, sagte ich, „abgemacht, ich will dich ja wieder loswerden!“

Am nächsten Morgen musste ich einkaufen. Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg in das nahe gelegene Kaufland. An die Abmachung mit dem Furz dachte ich nicht mehr. In meinem Bauch war alles ruhig. Nur noch eine schwache Erinnerung an den gestrigen Tag beunruhigte mich etwas.

„Na, gut geschlafen? Bööps! Nur der Kaffe war zu heiß!“

Ich blieb stehen. Nein, nicht schon wieder!

Also gut, dachte ich, es war kein Traum. „Ruhe da unten!“, rief ich laut! Eine Frau drehte sich erschrocken nach mir um. Nur nicht furzen, dachte ich verzweifelt und schon drückten mich die Winde. Verdammter Furz! Rasch bog ich um die Ecke und stieß mit einer alten Frau zusammen, die ihre Einkaufstüte trug. Einige Brötchen fielen auf den Gehweg. Ich bückte mich und wollte sie aufheben, aber da rumorte es teuflisch in meinem Bauch. 

„Tut mir leid!“, sagte ich und verschwand durch die nächste Tür. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Ich blieb einen Moment stehen. „He, du da unten, wie lange soll das so weitergehen?“ Eisige Stille in meinem Bauch.

Es dauerte lange, bis die Antwort kam. „Bööps, meine Forderung kennst du!“ Das war nicht lustig, dachte ich, nur schnell den Einkauf erledigen und ab nach Hause! Die Frau am Fleischstand schaute mich ganz merkwürdig an. Der Schweiß tropfte mir von der Nase, als ich dreihundert Gramm Gehacktes verlangte. Ich trat von einem Bein auf das andere und verkniff mir den Furz, der nichts anderes, als aus mir heraus wollte. Er grollte und rumorte fürchterlich. Nein, nicht! Jetzt nicht! Ich bezahlte.

Es war gerade noch einmal gutgegangen. Wieder zu Hause angelangt, stellte ich erleichtert meine Einkaufstüte auf den Küchentisch. Was sollte jetzt noch passieren! Schrill drang das Geräusch der Klingel in mein Bewusstsein. Was war das? Wer wollte jetzt zu mir?

Schweißperlen, groß wie Fingerkuppen sammelten sich auf meiner Stirn. Ich wollte doch nicht ein Leben lang mit diesem unheimlichen Furz in meinem Bauch zubringen! Vorsichtig öffnete ich die Tür. Die Postbotin stand ungeduldig im Treppenhaus.

„Ich habe ein Einschreiben für Sie! Hier bitte unterschreiben!“ Da wäre es beinah passiert. In meinem Bauch rumpelte es so heftig, dass ich nur mit Mühe und zitternden Händen meine Unterschrift hinbekam. „Sie sehen ja heute so blass aus? Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte sie mich beim Weggehen. Schnell die Tür zu. Gerettet!

Da klingelte das Telefon. Ich nahm ab und es war meine Frau. Sie wollte mich besuchen kommen und noch einige von ihren Sachen abholen. „Nein, heute geht es nicht, absolut nicht! Nein!!!“

Ich merkte an ihrer Stimmlage, dass sie restlos sauer auf mich war. Der Abend kam und mit ihm die Nacht. Ich war total geschafft, hatte Wut im Bauch und obendrein den verschluckten bösen Furz als ungebetenen Gast, der mich den lieben, langen Tag gequält hatte. Bloß keine Frauen mehr, jedenfalls nicht heute Abend. Ich schloss die Augen und wartete, dass es endlich Mitternacht werden möge. Die Stubenuhr schlug.

Ich zählte mit: „Eins, zwei, drei...... Zehn, elf, zwölf!“

Mit einem Ruck stand ich auf. Da entfuhr mir mit einem lauten Knall ein heftiger Furz. Ich sah, wie eine kleine, bläulich schimmernde Wolke aus dem geöffneten Fenster hinaus zog. Es war der verschluckte Furz, der sich für immer von mir verabschiedete. 

Leise war noch sein Echo zu hören:
 

„Ich bin frei! Frei, frei, frei!“