Kindergeschichten


Hier findet ihr Kindergeschichten, Kindergedichte, Kinderlieder, bzw. Liedtexte von mir und meiner Frau.  Es macht uns Spaß, für Kinder zu schreiben, und sehr aufmerksame Zuhörer sind unsere fünf Enkelkinder. Unsere Kindergeschichten liest meine Frau, die als Erzieherin arbeitet, auch im Kindergarten ihren Kindern vor.  

Amanda und die Wahrheit

Es einmal war ein kleines Mädchen, das zusammen mit seinen Eltern in einem kleinen Häuschen lebte. Das Häuschen war windschief gebaut, nichts an ihm war gerade. Nicht, dass es baufällig war oder sogar einstürzte drohte, nein, es war eben so gebaut und stand von einigen Bäumen umgeben einfach in der Landschaft. Amanda, so hieß das Mädchen, saß wieder einmal auf dem Steg am Teich. Sie ließ ihre Beine ins Wasser baumeln und dachte nach. Nun war Amanda ein ziemlich altmodischer Name, und ab und zu wurde sie deswegen von den anderen Kindern gehänselt. Gerade dachte Amanda über ihre Schulkameraden nach.

Sie war Schulanfängerin und lernte dort seit einigen Wochen jeden Tag wie die einzelnen Zahlen hießen, wie man bastelte und was die einzelnen Buchstaben bedeuteten.
Plötzlich zwickte sie etwas am Fuß. Amanda schaute erschrocken ins Wasser und entdeckte ein kleines himmelblaues Geschöpf mit zwei Knopfaugen, einer Kullernase, einem kleinen Mund, zwei Armen und zwei Beinen, mit denen es aufgeregt strampelte. „Wer bist du?“ fragte Amanda neugierig. „Ich heiße Wahrheit und bin vorhin ins Wasser gefallen. Mich schubste mein kleiner Bruder, die Lüge, in den See, weil wir uns wieder gezankt hatten. Brrr…- schmeckten die Wasserflöhe hässlich, aber nun hast du mich ja gerettet!“ Amanda wurde rot. „Ich habe dich doch nicht gerettet, du hast dich nur an meinen Fuß festgehalten.“ Der Kleine bat Amanda, ihn aus dem Wasser zu ziehen. „Ich hole mir sonst noch einen Schnupfen!“, piepste er. Amanda zog ihn aus dem Wasser und stellte ihn vorsichtig auf den Steg. Dabei musste sie lachen, denn er machte so etwas wie Turnübungen um wieder gelenkig zu werden. „Ich bin noch ganz steif vom kalten Wasser, aber nun geht es fast wieder, schnaufte er.“ „Wieso heißt du Wahrheit?“, fragte sie ihn. „Ich heiße Wahrheit, weil es mich nur einmal auf der Welt gibt! Die erwachsenen Menschen vergessen mich, je älter sie werden und verdrehen mir Nase, Arme und Beine. Sie finden durch Rechtsanwälte Wege, um mich gefangen zu halten. Und stell dir vor, einige Armeen wollten mich sogar schon einfrieren! Mein kleiner Bruder heißt Lüge. Es gibt ihn auch nur einmal auf der Welt, und er lehrt die Kinder zu schwindeln, die Eltern und die Lehrer zu belügen. Er sieht genauso aus wie ich, nur ist er nicht himmelblau, sondern schwarz und hat feuerrote Augen. Deswegen kann ihm niemand in die Augen schauen. Am leichtesten hat er es mit den erwachsenen Menschen, seine Lügen loszuwerden. Sie belügen sich gern selbst und andere Menschen.“

Amanda wurde wieder rot und dachte an gestern Abend, als sie ihre Großmutter angeschwindelt hatte. Sie sagte ihr, sie hätte sich schon gewaschen und auch ihre Zähne geputzt, obwohl das gar nicht stimmte. Die Wahrheit sah Amanda ins Gesicht.
„Ich weiß, dass gestern mein kleiner Bruder bei dir war. Er gab dir die Lüge ein. Du kannst dich ja heute bei deiner Großmutter entschuldigen.“ Amanda versprach es der Wahrheit. „Hoffentlich begegne ich nicht wieder seinem Bruder“, dachte sie. Kaum hatte sie zu Ende gedacht, da rief das kleine himmelblaue Geschöpf mit dünner Stimme nach seinem Bruder, der Lüge. Da kam am Ufer des Sees etwas Schwarzes angerollt, kullerte auf den Steg und blieb vor Amandas Füßen liegen. „Alles was dir mein Bruder erzählt hat, ist gelogen“, rief das kleine Geschöpf voller Zorn. Seine feuerroten Augen leuchteten wie glühende Kohlen. Er macht mich nur immer schlecht, obwohl ich doch den Kindern und erwachsenen Menschen nur helfe. Sie leben doch so wunderbar mit mir und lügen jeden Tag aufs Neue. Schau mal, wenn ich den Angler am anderen Ufer des Sees berühre, sieht er in seiner Phantasie einen riesengroßen Hecht. Der Fisch schaut ihn ganz traurig an und deswegen lässt er ihn wieder schwimmen. Die Geschichte erzählt er überall, bis er sie selbst glaubt, und dabei hat er heute überhaupt keinen einzigen Fisch gefangen. „Es ist aber eine Lüge“, erboste sich sein Bruder, die Wahrheit! „Du verseuchst seit Jahrtausenden immer wieder die Köpfe der Menschen, und ich versuche sie von deinen Gedanken zu befreien.“ „Pfffffff,....“ sagte die schwarze Lüge. „Ich mache mir eben nichts daraus, ehrlich zu sein. Was hat dir denn schon die Wahrheit gebracht? Nichts als Ärger. Amanda petzt gern, und Großmutter hatte mit ihr gesprochen und ihr gesagt, dass das eine schlechte Charaktereigenschaft ist. Was machte Amanda? Sie nahm Großmutter nicht ernst und petzte weiter. Hahaha,...sie belügt sich selbst gern!“ Amanda hörte die Auseinandersetzung zwischen den beiden. Ihr wurde übel, und sie schämte sich plötzlich für ihre Lügen und ihre Unehrlichkeit. Am schönsten sind die schlimmen Lügen“, freute sich die schwarze Lüge.
„Haha, wenn ich Herrn Müller einrede, nach der Arbeit nicht nach Hause zu gehen sondern mit seinen Kumpels Bier zu trinken und Fußball zu schauen, ist es einfach herrlich! Das klappt dreimal in der Woche. Jedes Mal erzählt er dann seiner Frau, er hätte im Garten schwer gearbeitet.

Hihihi, ...wenn sie wüsste, dass das gar nicht stimmt!“
“Das ist doch gemein“, empörte sich Amanda:
„Du bist richtig böse!“
„Bin ich nicht! Ich bin nicht böse und gemein. Wenn die Anderen auf mich hören und es so machen, wie ich es ihnen einflüstere - was geht mich das an?“
Amanda verstand die Welt nicht mehr. Darüber musste sie sich mit ihrer Großmutter unterhalten. Vielleicht weiß Großmutter, was richtig und was falsch ist. Vielleicht wissen ihre Eltern, was Wahrheit und was Lüge ist.

„Mit mir zu leben ist richtig, aber nicht einfach“, sagte die himmelblaue Wahrheit ganz ernst zu Amanda.
Die meisten Menschen sehen nicht ein, dass es nur eine Wahrheit gibt und es bequemer ist, zu lügen. Sie machen dir dann das Leben schwer, weil sie weiter lügen wollen.

Ich gebe dir das mit auf deinen Weg, vergiss mich nicht und denke immer an den heutigen Tag“, sprach es und verschwand mit ihrem kleinen Bruder, der schwarzen Lüge.“ „Amanda.... Amanda... - Wo bist du?“
Mutti rief nach ihr. Amanda erschrak, sie war wohl leicht eingenickt. Nachdenklich lief sie nach Hause.