Das Portät

 

Als ich sie das erste Mal auf Arbeit sah, ging eine unheimliche Ausstrahlung und Anziehungskraft von ihr aus. Es war ein hungriges Flackern aus einer anderen Welt in ihren Augen zu sehen und ich wusste schon damals im ersten Augenblick, dass mich dieses Feuer verbrennen würde. Zu einem Gartenfest lernte ich sie näher kennen und sie war die Unheimlichkeit der Weiblichkeit. Weder vorher noch nachher in meinem Leben hatte ich so eine, von Nebel eingehüllte, unklare und schemenhafte Persönlichkeit einer Frau kennen gelernt. Ich kann es nicht leugnen, von ihr ging eine unheimliche Faszination aus, die in den nächsten Wochen stark meine Sinne in Anspruch nahm.

Mein ganzes bisheriges Leben wurde von einem Moment zum anderen auf den Kopf gestellt, und ich versuchte, mich vergeblich gegen den verderblichen Einfluss zu wehren, der von mir und meinem „Ich“ langsam und unaufhaltsam Stück für Stück Besitz ergriff. Sie war klug und geschickt genug, mir ihre Gunst in kleinen Aufmerksamkeiten zu beweisen, und je weniger ich von ihr hatte, desto mehr machte sie meine innere Seele kaputt, machte mich verrückt und nahm mir meine Ausgeglichenheit. Sie hatte mich verhext. Nachts konnte ich nicht mehr schlafen. Tagsüber war ich unkonzentriert und zerfahren. Ich bekam erst meine innere Ruhe wieder, als sie mir eines Tages einen Auftrag gab.

Sie wollte porträtiert werden und ich traf dazu alle notwendigen Vorbereitungen. Ich grundierte die Leinwand gründlich und begann, die Konturen und Proportionen zu malen. Das Porträt sollte ich dem Stil der Alten Meister nachempfinden, und je länger ich an ihm arbeitete, desto stärker nahm es mich in seinen Bann. Ich gab dem Bild einen dunklen, braungrünen Hintergrund. Ihre blonden Haare zu malen, war für mich eine Herausforderung. Manchmal hatte ich das Gefühl, als wäre sie unmittelbar zugegen.

Sie war wie ein leichter, dünner Nebelschleier in meinem Bewusstsein gegenwärtig. Als ich ihre blaugrauen, undurchsichtigen, spöttisch blickenden und alles verbergenden Augen malte, zog mich das Bild in sich hinein, in die unergründliche Tiefe ihrer lodernden Seele.

In meinem Schaffen wurde ich rastlos und etwas Losgelassenes, Freigewordenes und unbestimmbar Schlechtes, das ich so nicht wollte, ergriff Besitz von mir.

Ich wurde besessen von dem Gedanken, die Vollkommenheit zu malen. Meine Frau sah mich nur noch mit traurigen Augen an und wusste mit Sicherheit, dass ich nicht mehr ganz bei Sinnen war.

Eines Abends legte ich noch einen leichten Glanz auf die Lippen des Porträts, setzte hier und da noch einen Lichtpunkt und es war fertig. Eine zögernde, sinnliche, fragende und geheimnisvolle Ausstrahlung ging von dem Bild aus. Es ließ aber keinen Betrachter in sich hinein. Es hatte mich meine ganze Kraft gekostet und ich war innerlich ausgebrannt.

Als hätte man ein glühendes Eisen in mich hineingestoßen und mich damit in meinem Elend zurückgelassen, so erbärmlich fühlte ich mich, als der letzte Pinselstrich erfolgt war.

Ich konnte es ihr noch nicht geben.

Lange Wochen stand das Porträt auf der Staffelei und immer wieder schaute ich in ihr Antlitz.

Es war, als wenn eine Motte um ein offenes Feuer herumflog, auf Gedeih und Verderb davon angezogen wurde und schließlich mit einem letzten Zucken ihrer Flügel in die Glut stürzte und verbrannte.

An einem grauen, verregneten Tag holte sie das Bild ab und ich verspürte in mir nur noch Müdigkeit und Leere. Ich hatte das Leben gemalt und aus mir war es entwichen. Einige Wochen später legte sich ein Schleier über mein Bewusstsein und hatte Erbarmen mit meiner Seele.

Ich wurde sehr krank und es dauerte lange, bis ich mich von diesem unheilvollen Bann befreien konnte.

Es wurde mir Hilfe zuteil, auf die ich gar nicht zu hoffen gewagt hatte, nach all dem, was meine Frau mit mir erleiden musste.